DIE CHRONIK DER WUNDE · BAND I

LIES DAS GRÜNE ECHO.

Prolog und erstes Kapitel, wortgetreu aus der veröffentlichten deutschen Ausgabe.

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PROLOG

Der letzte Tag der Götter

Am Morgen hatte der Wind nach Regen gerochen. Jetzt trieb er feinen Staub über das Schlachtfeld, der an Dessics Lippen kleben blieb und zwischen den Zähnen knirschte. Er wollte ihn ausspucken, doch seine Zunge haftete am Gaumen. Irgendwo auf dieser Ebene wartete Avar, und Dessic verbot sich, die Stunden zu zählen. Als er sich mit dem Handrücken über das Gesicht fuhr, blieb ein dunkler Streifen auf der Haut zurück.

Auf der anderen Seite der Ebene standen die Reste von drei Stadtmauern. Keine zwei hatten zur selben Stadt gehört. Die älteste kannte Dessic nur als hellen Streifen zwischen Disteln; die zweite war vor seiner Geburt gefallen, die dritte im vergangenen Winter. Man brach Steine aus allen dreien, um die Strasse auszubessern, auf der die Verwundeten zurückgebracht wurden. Selbst der Krieg hatte gelernt, die Trümmer seiner früheren Jahre zu verwerten. Dass er eines Tages enden könnte, sagte niemand mehr, der lange genug mitgezogen war.

Avar lag noch dort, wo Dessic ihn hatte zurücklassen müssen, halb unter einem umgestürzten Wagen. Das obere Rad drehte sich im Wind. An der Achse hing ein Fetzen Tuch, der bei jeder Umdrehung über Avars Stirn strich. Er hatte nicht mehr die Kraft, ihn fortzuschieben.

«Du hast lange gebraucht», sagte er.

Dessic ging neben ihm in die Knie. «Ich musste einen Wagen finden.»

«Hier ist einer.»

«Einen besseren.»

Avar versuchte zu lächeln. Das Geräusch, das dabei aus seiner Brust kam, liess Dessic nach dem Verschluss des Panzers greifen. Die linke Seite war eingedrückt; unter dem Rand sickerte Blut in den Stoff. Ein Splitter hatte ihn getroffen, als jenseits der Wagen die Erde aufgerissen war. Dessic hatte den Einschlag gesehen und darauf gezählt, dass Avar wieder aufstand. Bis zu diesem Morgen war er nach jedem Sturz wieder aufgestanden.

Die Schnalle gab nicht nach. Dessic zog fester, bekam sie zwischen Daumen und Zeigefinger und begriff, weshalb die übrigen Finger keinen Halt fanden. Zwei fehlten. Aus dem schwarzen Schmutz seiner linken Hand ragten helle Knochenspitzen.

Er sah einen Atemzug lang darauf. Dann schob er die Hand unter die Achsel, als liesse sich die Wunde dort aufbewahren, bis Zeit für sie war. Mit der Rechten tastete er nach dem Messer. Es steckte noch im Gürtel. Er schnitt den Riemen durch und hob das Metall gerade so weit an, dass Avar Luft bekam.

«Lass ihn dran», flüsterte Avar.

«Du kannst so nicht atmen.»

«Ohne ihn sieht man, wie schlecht es steht.»

Dessic senkte den Rand zurück. Hinter den niedrigen Hügeln sammelte man die Verwundeten, bei einer Gruppe windschiefer Bäume, die am Morgen vom ganzen Feld aus zu sehen gewesen waren. Inzwischen verdeckte Rauch die Anhöhe. Trotzdem kannte er die Stelle: links von den weissen Türmen über der Küste, etwas höher als die alte Strasse. Wenn er Avar unter dem Wagen hervorzog und auf einen Schild legte, konnte er ihn dorthin schleifen.

Auf den weissen Türmen hatte im Morgengrauen noch ein grünes Banner geweht, wie seit Jahren. Dessic hatte dort einmal mit blauen Reitern Zuflucht gefunden, als ein Roter die Kornspeicher an der Küste anzündete und das Wasser in den Brunnen zu kochen begann. Die Türme waren damals stehen geblieben; man hatte den Russ aus ihrem Stein gekratzt. Heute war die Küstenstrasse schon zur Hälfte schwarz, und über den Dächern hing Rauch, den kein Wind forttrug.

Er schob die Arme unter Avars Schultern. Avar schrie, und Dessic hielt inne, bis der Schrei in ein flaches Keuchen überging. Dann zog er weiter. Eine Stiefelspitze verfing sich in den Speichen. Dessic musste zurückkriechen, den Fuss drehen und lösen, während über ihnen etwas Grosses die Wolken auseinanderdrückte.

Das Licht auf dem Wagen wurde grün.

Für einen Moment sah Dessic jeden Nagel im Holz, jeden Tropfen Blut an Avars Hals. In der aufgewühlten Erde neben dem Rad richteten sich winzige Halme auf, wo eben noch keine gewesen waren. Ein vertrauter Geruch drang durch den Rauch: nasses Laub, dunkle Rinde nach langem Regen. Dessic hob den Kopf, obwohl er weiterziehen musste.

Thae’oun flog so tief, dass sein Schatten die ganze Senke füllte. Durch die dünnen Stellen der Flügel schimmerte der brennende Himmel. Eine Flughaut war zerrissen, und bei jedem Schlag lief ein Zittern durch das lange Glied, als könne der Drache sein Gewicht nicht mehr gleichmässig tragen. Unter seinem Bauch klaffte eine Wunde. Wo sein Blut weit entfernt den Boden traf, stieg Dampf auf, und aus dem Dampf wuchsen Zweige.

In der Nacht hatten die Verwundeten im Lager von ihm gesprochen, nicht wie von einem Heerführer. Sie zählten die Orte auf, an denen man ihn gesehen hatte, als liesse sich aus seiner Flugbahn ein Weg durch die Schlacht lesen. Dessic hatte unter Blauen gekämpft und neben Grünen Wache gehalten, und er hatte Drachen aller vier Bruten fallen sehen. Manche stürzten brennend, manche bohrten sich in den Fels und verlegten für Jahre die Strassen. Bei Thae’oun hatte er sich geweigert, an einen Sturz auch nur zu denken. Jetzt sah er, wie schwer der nächste Flügelschlag kam.

Jahre vor dieser Schlacht hatte er Thae’oun schon einmal gesehen, über einem Wald. Er und Avar waren auf der alten Strasse stehen geblieben, bis der Grüne hinter den Hügeln verschwand. Unter ihm hatten sich Bäume aufgerichtet, deren Kronen ein roter Brand im Sommer zuvor gefressen hatte. Avar behauptete später, Dessic habe den Mund nicht mehr zubekommen. Dessic selbst waren vor allem die Leute aus den Dörfern geblieben, die ihre Arbeit liegen liessen und dem Drachen nachliefen, ohne zu wissen, ob er irgendwo landen würde. Schon damals war ein Grüner am Himmel kein gewöhnlicher Anblick mehr gewesen. Seither hatten die Boten die übrigen Namen immer leiser genannt, bis nur noch einer übrig war.

«Ist er noch da?»

«Ja.»

«Gut.» Avar hielt die Augen geschlossen. «Beweg dich.»

Dessic fand einen Schild, dessen Träger er nicht kannte. Die Lederschlaufen auf der Rückseite hielten noch. Er schob ihn unter Avar, fädelte einen losen Riemen hindurch und legte ihn sich über die rechte Schulter. Als er sich aufrichtete, zog ihn das Gewicht sofort wieder hinunter. Er nahm den Riemen kürzer, beugte sich vor und brachte den Schild in Bewegung.

Der Schildrand pflügte durch den aufgeweichten Boden. Avar stiess mit einem Fuss nach, bis Dessic ihm befahl, seine Kraft zu sparen. Zwischen den Spuren der fliehenden Wagen lagen aufgeplatzte Kornsäcke, ein zerbrochener Krug, eine Decke, deren gestopfter Saum im Schlamm hing. Dessic wich einer ausgestreckten Hand aus. Erst danach sah er den Menschen, zu dem sie gehörte. Er zog den Riemen höher und ging weiter.

Am Strassenrand lag ein Mann in einem dunklen Mantel, die Finger um einen zerbrochenen Stab gekrallt. Unter seinem Ohr liefen Schuppen den Hals hinab; durch das offene Lid sah Dessic eine schmale, senkrechte Pupille. Einer der Bewahrten. In den eroberten Städten hatten Männer wie er Korn verteilt, Richter eingesetzt und Tore bewacht, während über den Dächern die Schwarzen kreisten. Ihre Gaben waren keine Lüge gewesen. Dessic kannte Männer, die nach einem Gefecht um die Berührung einer schwarzen Klaue gebettelt hatten, und andere, die an den Eingriffen gestorben waren. Am Gürtel des Toten hing ein Wasserschlauch. Um ihn zu holen, hätte Dessic den Riemen loslassen müssen, und der Schild rutschte schon zur Seite.

Die Menschen auf der Strasse blieben stehen. Über dem Lärm der Wagen schwoll ein anderes Geräusch an. Einige drehten sich um. Andere warfen sich hin oder krochen hinter die Böschung. Eine Frau mit einem Verband um den Kopf rannte auf die Senke zu, schrie und zeigte nach oben. Dessic sah ihre Lippen, aber kein Laut erreichte ihn. Erst als sie wenige Schritte vor ihm war, kam das Donnern, und es verschluckte alles andere.

Ein Schwarzer hatte Thae’oun eingeholt. Sie hingen übereinander im aufgerissenen Himmel, so eng verschlungen, dass Dessic nicht erkennen konnte, welcher Flügel zu welchem Leib gehörte. Eine schwarze Klaue fuhr zwischen die grünen Schuppen und riss sie in Bahnen heraus. Thae’oun bog den Hals zurück und biss in die Schulter des anderen; der Schwarze zerrte ihn dennoch tiefer. Mit jeder Bewegung verschoben sich die Wolken hinter ihnen. Kaldruun, dachte Dessic. Er kannte den Namen aus den Befehlen, aus den Gesprächen am Feuer und aus den Gebeten der Männer, die behaupteten, keine Gebete zu kennen.

Weiter über den Türmen öffnete sich im Rauch ein roter Flügel. Der Drache war kleiner als die beiden über der Senke, doch seine Hitze erreichte Dessic bis hierher: Von einer Wagenachse tropfte Pech, obwohl das Holz noch nicht brannte. An der Küste wurde ein Tor aufgestossen. Menschen flohen über die Mauer, und andere unter denselben Wappen versperrten ihnen den Weg. Auf einem Dach stiess ein Mann mit Drachenaugen einen zweiten über die Kante. Wem die beiden dienten, war nicht zu erkennen. Er hatte zu viele Schlachten erlebt, in denen längst entschieden war, wer gewann, und die Menschen sich trotzdem weiter umbrachten.

Die Frau packte den Riemen. Zu zweit brachten sie den Schild hinter die Böschung. Dort warfen sie sich zu Boden, als ein Windstoss über die Strasse fuhr und den Wagen, an dem Avar gelegen hatte, auf die andere Seite schleuderte. Das Rad brach ab und rollte davon. Avar riss die Augen auf.

Thae’oun fiel.

Dessic sah einen Flügel in den Rauch tauchen, dann den langen Rücken, auf dem Erde und Licht sich zu spiegeln schienen. Der Aufschlag kam zuerst ohne Laut. Die Ebene jenseits der Böschung hob sich, warf Menschen um und sackte zurück. Ein fremder Ellenbogen traf Dessic an den Zähnen. Erst danach erreichte ihn das Krachen. Es fuhr durch den Boden in seine Brust, bis er glaubte, selbst getroffen zu sein.

Als er wieder atmen konnte, lag die Frau neben ihm und presste beide Hände auf die Ohren. Blut lief ihr über die Handgelenke. Avar bewegte die Lippen. Dessic beugte sich zu ihm hinunter und verstand nichts.

Über der Böschung ragte der Kopf des Grünen auf. Ein Auge stand offen; Rauch glitt darüber, und das Lid schloss sich nicht. Kaldruun liess sich neben ihm nieder, und erst an der Grösse der Felsen unter seinen Klauen begriff Dessic, wie weit die beiden noch entfernt waren. Zwischen ihnen und ihm hätten Heere Platz gehabt. Trotzdem schien der grüne Kopf unmittelbar vor ihm zu liegen.

Das Auge bewegte sich. Dessic richtete sich auf, den Riemen noch über der Schulter. Vom Schild her kam ein Husten, doch er beugte sich nicht hinunter. Solange dieses Auge offen war, brachte er es nicht fertig, wegzusehen.

Dann sank der Kopf, und Dessic spürte, dass sich etwas veränderte, ehe er es sah. Die jungen Halme neben seinen Knien legten sich flach. Er zog die verletzte Hand unter der Achsel hervor; zwischen den Fingerstümpfen glomm ein grüner Schimmer und erlosch. Als er aufblickte, senkte Kaldruun den Hals zu dem Gefallenen. Was er dort tat, konnte Dessic nicht erkennen. Der Rauch wurde dichter, und die Frau zerrte am Riemen.

Die Pferde auf der Strasse scheuten und stiegen. Ein Vogel fiel aus dem Rauch, landete auf der Achse des umgestürzten Wagens und flog nicht wieder auf. Niemand gab einen Befehl, und doch klammerten sich die Menschen an der Böschung an Steine und Wagenräder, als könnten sie verhindern, dass ihnen auch der Boden entglitt. Dessic wusste nur, dass Thae’oun tot war. Was unter ihren Füssen begonnen hatte, verstand er nicht, und er sollte es nie in Worte fassen können.

«Weiter», glaubte Dessic von ihren Lippen abzulesen.

Sie erreichten die Strasse, aber die Anhöhe war fort. Wo die Bäume gestanden hatten, stand eine Wand aus Staub. Dessic suchte nach einer Krone, einem Ast, nach irgendetwas, das sich in der grauen Bewegung abzeichnete. Von dort kamen Menschen herunter. Einer lief mit hochgezogenen Schultern an ihnen vorbei und hielt beide Hände vor sich, als trüge er noch etwas, das ihm längst entglitten war.

Die Frau stellte sich ihm in den Weg. Er schüttelte den Kopf, bevor sie fragen konnte, und lief um sie herum. Hinter ihm sah Dessic die Strasse aufbrechen.

Der Riss begann schmal, kaum breiter als eine Radspur. Er lief auf sie zu, wurde dunkel und zog mit einem trockenen Knacken die Böschung auseinander. Dessic riss an Avars Schild. Die Frau packte Avars Füsse, und gemeinsam zerrten sie ihn von der Strasse. Hinter ihnen brach ein Stück Pflaster weg. Der Mann, der eben noch gerannt war, sackte bis zur Hüfte ein, krallte sich an einen Stein und schrie.

Dessic liess den Riemen fahren und machte einen Schritt auf ihn zu. Da kippte auch der Stein. Er hörte Geröll nachstürzen, sah noch eine Hand an der Kante und dann nur Staub, der aus dem Riss quoll.

Er stand da, bis die Frau ihn am Ärmel fasste.

Das Meer zog sich zurück.

Von dort, wo sie standen, konnte Dessic die Buchten unter den weissen Türmen überblicken. Das Wasser sank an den Mauern, legte die unteren Stufen der Landungsplätze frei und floss zwischen den Schiffen hindurch hinaus. Taue spannten sich von den Ringen der Kaimauer zu Decks, die immer tiefer lagen. Ein Mast neigte sich, schlug gegen den nächsten und riss ein Segel auf, dessen weisser Stoff im Wind knallte.

Der Meeresgrund lag voller dunkler Furchen. Aus einer ragten behauene Steine, zu regelmässig für Fels und zu weit draussen für einen Landungsplatz. Dessic starrte auf die gerade Linie, bis Avar unter ihm hustete. Als er wieder hinsah, hatte der Dunst sie verschluckt.

Es hätte nach Tang riechen müssen. Stattdessen zog von draussen ein kalter Geruch herein, wie aus einer Grube, die lange verschlossen gewesen war. Er mischte sich mit der Hitze, ohne sie zu vertreiben. Dessic fror auf der einen Gesichtshälfte, während ihm auf der anderen der Schweiss über eine Brandwunde rann.

Jenseits der leeren Bucht flog ein Blauer. Seine Flügel strichen über den Dunst, und darunter zuckten weisse Linien auf und zerbrachen. Dessic erkannte Vhiruln an der Gestalt; sie hatten ihn am Morgen über dem Meer gesehen. Der Drache wandte den Kopf vom Land ab. Für einen Augenblick schien er gegen einen Wind anzukämpfen, den hier niemand spürte.

Dessic hatte Wache gestanden, während Vhiruln auf einem Küstenfelsen ruhte und das Meer unter ihm bis in die Nacht nicht stillhielt. Der Blaue hatte noch mit Gesandten anderer Bruten gesprochen, als der Krieg längst jede Unterredung in eine Beleidigung verwandelte. Seine Worte hatte Dessic nie verstanden, nur ihre Wirkung gekannt: Wasser in leeren Zisternen, eine Wolke über einem Hafen, dem die Roten seit Wochen den Regen genommen hatten. Jetzt schlug der Drache gegen den Dunst vor der leeren Bucht und konnte ihn nicht vertreiben.

Die Frau kniete neben Avar und hielt ihm einen Wasserschlauch an die Lippen. Das meiste lief ihm übers Kinn. Dessic nahm ihr den Schlauch ab und stützte Avars Kopf. Unter seiner Hand war die Haut erschreckend kühl.

«Die Bäume sind weg», sagte Avar.

Dessic wusste nicht, seit wann er wieder hörte. «Wir gehen zur Küste.»

«Da ist kein Wasser mehr.»

«Dort sind Leute.»

Avar sah ihn an. Dann tastete er nach Dessics linker Hand, fand die Stümpfe und hielt sie trotzdem fest, so wie er es in den Nächten vor einer Schlacht getan hatte, wenn keiner von beiden schlafen konnte. Schliesslich nickte er. Sie zogen den Schild bergab. Dessic ging nun rückwärts, den Riemen um den Unterarm geschlungen, während die Frau den unteren Rand von den Steinen fernhielt.

Der Schatten eines Pfahls lag quer vor seinen Füssen. Während er darüberstieg, drehte sich der Schatten, obwohl der Pfahl stillstand. Dessic blieb stehen. Auch sein eigener Schatten glitt zur Seite, und der der Frau fiel in eine andere Richtung. Das Licht über ihnen hatte sich verändert. Es war hell genug, um jeden Stein zu sehen, doch die Sonne lag hinter Rauch, und die Helligkeit kam von einer Stelle, auf die er den Blick nicht richten konnte.

Jemand begann zu beten. Weiter oben fiel ein Mann auf die Knie und drückte die Stirn in den Dreck. Dessic hörte Orus Namen, immer wieder, bis er nicht mehr wusste, ob er ihn nur hörte oder mitsprach.

Oru gehörte zu den alten Geschichten, die Drachen den Menschen erzählt hatten. Von einem Grünen hatte Dessic gehört, Oru sei ein Vater, von einem Blauen, er sei ein Bewahrer, und in einem zerstörten Tempel hatte er von einem Richter gelesen, der nie erschien. Was darüber stand, wussten die Priester vielleicht. Ihm hatte niemand erklärt, welcher dieser Namen auf die Erde hören würde, wenn Thae’oun nicht mehr atmete. Der kniende Mann betete weiter, bis der Boden ihn zwang, beide Hände auszustrecken.

Am Himmel geschah etwas, das sich seinem Blick entzog. Die Wolken liefen gegeneinander, schoben sich durch ihre eigenen Schatten, und aus der Glut dahinter bäumte sich ein roter Leib. Dessic sah einen aufgerissenen Rachen, so nah, dass er den Atem auf der Haut zu spüren meinte. Dann fiel Regen zwischen den Zähnen hindurch. Er wollte dem langen Hals folgen, doch seine Augen fanden keinen Halt. Hinter geschlossenen Lidern blieb das Bild eine Weile stehen: ein Flügel ohne Körper, in einer Helligkeit, von der ihm übel wurde. Er beugte sich über Avar und legte die Stirn an dessen Schulter.

Unter seinen Knien bewegte sich der Hang.

Es begann mit kleinen Steinen, die gegen seine Stiefel rollten. Dann sank das Land vor ihnen so gleichmässig ab, dass Dessic zuerst glaubte, er selbst werde gehoben. Die weissen Türme standen schief. Einer brach in der Mitte, sein oberer Teil neigte sich über die Bucht und zerbarst erst auf den Dächern darunter. Staub stieg auf. Der zweite Turm sank mitsamt dem Fels, auf dem er stand, unter die Kante der Küste.

Die Frau wich zurück. Unter ihrem Fuss brach eine Scholle ab und riss den Schild mit. Dessic warf sich auf den Bauch; der Riemen brannte durch seine rechte Hand, bis Avars Gewicht ihn straff zog. Unter ihm strömten Steine über die Kante. Die Frau kroch zurück und krallte sich in seinen Gürtel. Gemeinsam zogen sie den Schild so weit herauf, dass Avars Schulter wieder auf festem Land lag.

Die Frau sass keuchend im Geröll. Ihr Verband hatte sich gelöst und hing ihr bis ans Kinn. Sie tastete nach etwas an ihrem Hals, fand es unter dem Hemd und umschloss es so fest, dass Dessic nicht sah, was es war.

«Wie heisst du?», fragte er.

Sie bewegte die Lippen. Ein tiefer Laut vom Meer her verschluckte die Antwort. Als Dessic noch einmal fragen wollte, stand sie bereits. Auf dem schmalen Landrücken hinter ihnen hatten sich Menschen gesammelt; einige winkten, und die Frau zeigte hinüber. Dessic nickte. Er würde nachkommen, sobald er Avar wieder auf dem Schild festgebunden hatte.

Der Blaue war näher gekommen, obwohl zwischen Dessic und dem Meer jetzt ein Stück Land fehlte. In den Rauchschwaden erschien der Rand eines Flügels und dahinter der lange Hals. Das Bild verlor an Schärfe, als lägen Schichten von Wasser zwischen ihnen. Nur ein Auge blieb deutlich, gross und hell. Dessic glaubte, den Kiefer sich bewegen zu sehen. Dann erreichte ihn ein Wort.

Er verstand es nicht. Trotzdem versuchte er, es nachzusprechen, und spürte, wie seine Zunge einen fremden Anfang formte. Der Rest zerfiel im Klappern seiner Zähne. Vhirulns Flügel bog sich nach oben; Regen fiel durch die Stelle, an der er eben noch gewesen war.

Dessic sah zum Schlachtfeld zurück. Der schwarze Leib über Thae’oun war im Rauch nicht mehr zu finden, und auch der rote Flügel stand nicht mehr über den Türmen. Zuerst glaubte er, seine Augen hätten das Sehen verlernt. Später klammerte er sich an diesen Irrtum, weil er ihm für ein paar Atemzüge ersparte, an einen Himmel ohne sie zu denken.

Dessic suchte weiter, bis auch das Auge verschwunden war.

«Avar.» Er kniete sich neben den Schild. «Noch ein Stück.»

Avars Kopf war zur Seite gefallen. Dessic drehte ihn zurück, legte zwei Finger an seinen Hals und wartete auf etwas, das er nicht von seinem eigenen Zittern unterscheiden konnte. Er strich ihm den Staub vom Mund. Avar hatte im Schlaf immer durch den Mund geatmet und morgens darüber geflucht, weil ihm dann der Hals wehtat.

Avar hatte Thae’oun noch gesehen. Vielleicht hatte er deshalb nach dem Grünen gefragt, so wie andere nach einem Heiler fragten. Dessic hatte ihm nicht sagen können, dass es keinen zweiten mehr gab. Er legte die rechte Hand auf den Rücken des Freundes, fühlte unter dem nassen Stoff die eingedrückten Rippen und zog die Hand zurück, als könnte die Berührung noch etwas verschlimmern.

Von der Bucht her kam ein Rollen, das rasch anschwoll. Dessic blickte auf, und die Schiffe waren nicht mehr da. Eine weisse Linie lief über den entblössten Grund, schob Masten und dunkle Brocken vor sich her und wuchs, während er hinsah. Dahinter lag kein Meer mehr, das er erkannt hätte, nur Wasser, das sich auftürmte und über das schon überspülte Land drängte.

Auf dem schmalen Rücken liefen Menschen. Die Frau war unter ihnen. Sie blieb stehen, drehte sich um und riss beide Arme hoch. Dessic warf sich den Riemen über die Schulter, stand auf und zog. Der Schild rührte sich nicht. Ein Stein hatte sich unter dem Rand verkeilt. Er trat dagegen, riss noch einmal und brachte Avar eine Handbreit weiter.

Die erste Welle traf ihn von der Seite. Sie kam durch den Riss im Hang, braun von Erde, und schlug ihm die Beine weg. Dessic ging unter, prallte mit der Schulter gegen den Schild und bekam noch einmal Luft. Über ihm drehte sich ein brennender Balken. Wasser schlug über Avars Gesicht, und Dessic griff nach dem Riemen seines Panzers, um ihn hochzuziehen.

Er hielt ihn, als die zweite Welle kam.

Sie nahm ihnen den Boden. Dessic wurde herumgeworfen, bekam Schlamm in den Mund und spürte Avars Gewicht an seinem Arm. Er wollte die Linke zu Hilfe nehmen. Die verstümmelte Hand glitt über das nasse Leder. Einen Moment lang klemmte er den Riemen noch zwischen Daumen und Zeigefinger ein; dann schleuderte ihn das Wasser gegen etwas Hartes, und er verlor ihn.

Als Dessic auftauchte, schrie er nach Avar. Er schluckte Wasser, hustete und suchte zwischen den Trümmern nach dem Schild. Überall trieben dunkle Rundungen, Holz, Körper. Er schwamm auf eine zu und fand eine umgestürzte Wanne ohne Boden. Die nächste Strömung drückte ihn dagegen. Er legte den Arm über den Rand und blieb hängen.

Die Küste war verschwunden. Durch den Regen sah er einen Hügel, der allein aus dem Wasser ragte; ob er vorher dort gewesen war, konnte er nicht sagen. Asche klebte an der Wanne. In einiger Entfernung trieb ein Tuch, und Dessic konnte nicht erkennen, ob es ein Segel war oder ein Verband.

Er suchte, bis er den Kopf nicht mehr heben konnte. Als ein Brecher die Wanne herumdrehte, hielt er sich fester, bis er wieder sprechen konnte.

«Avar», sagte er.

Das Meer schlug ihm Wasser in den Mund. Er hustete und sagte den Namen noch einmal.

KAPITEL EINS

Der Ton unter dem Wasser

Der Naerling schlug mit dem Schwanz, als Edran ihm das Messer hinter die Kiemen setzte. Es war ein kräftiger Fisch, fast so lang wie sein Unterarm. Hätte Edran nicht schon den halben Morgen damit verbracht, den Fang seines Nachbarn auszunehmen, wäre ihm vielleicht aufgefallen, wie kalt die Schuppen waren. Er drückte den Fisch fester aufs Brett, bis er stillhielt. Die Kälte blieb an seinen Fingern. Unten zwischen den Pfählen des Stegs trieb ein zerbrochener Korb im Kreis, und jedes Mal, wenn er gegen das Holz stiess, klang es, als klopfe jemand von unten an.

Die Sonne hatte die Dächer von Baisu erreicht, den Fluss noch nicht. Auf dem Naeril lag dünner Nebel, durch den die vertäuten Boote aussahen wie schlecht ausradierte Zeichnungen. Hinter Edran klappten Fensterläden auf; jemand kippte Spülwasser in die Gasse, zwei Männer stritten über ein gerissenes Tau. Aus dem Haus seiner Mutter zog der Geruch von warmem Teig herüber. Wenn er mit den Fischen rechtzeitig fertig wurde, bekam er das Endstück des ersten Laibs, bevor sie ihn auf die Waage legte. Am Anleger strich der Fährmann mit zwei Fingern über eine blaue Schuppe, die vor langer Zeit jemand in den Pfosten geritzt hatte, und prüfte erst danach den Knoten seines Taus. Edran hatte ihn die beiden Handgriffe nie in umgekehrter Reihenfolge tun sehen.

Er schabte das Messer am Brettrand ab und legte den Naerling zu den anderen. Vier fehlten noch. Bodil würde kommen, sobald ihre Holzlieferung abgeladen war, und wie immer würde sie zuerst die kleinen Fische begutachten, damit er glaubte, die grossen seien ihr gleichgültig.

«Den da solltest du wegwerfen», sagte Tovan hinter ihm.

Edran musste sich nicht umdrehen. Er hatte die dritte Planke knarren hören, auf die der Junge immer trat, obwohl daneben Platz genug war. «Wenn du ihn willst, kannst du fragen.»

Tovan stellte sich neben das Brett und musterte den Fang mit dem Ernst eines Mannes, dem man verdächtige Ware anbot. Seine Ärmel waren bis zu den Ellbogen nass, am Kragen klebte eine Entenfeder. «Meine Mutter sagt, du gibst die guten Sachen Bodil, weil sie dir das Holz anschreibt.»

«Deine Mutter schreibt uns das Salz an. Sie kriegt die guten Sachen nächste Woche.» Edran schob ihm den kleinsten Naerling hin. «Nimm ein Blatt aus dem Korb. Und sag ihr, sie soll ihn heute kochen.»

Der Junge wickelte den Fisch ein, ohne die übrigen aus den Augen zu lassen. Er war in den letzten Monaten so schnell gewachsen, dass seine Hände nicht zu den dünnen Handgelenken passen wollten. Früher hatte Edran ihn vom Steg scheuchen müssen; inzwischen half er beim Anlegen, wenn die Strömung stark war, und verlangte dafür einen Lohn, den er jedes Mal neu aushandelte.

«Warst du heute draussen?»

«Das Boot nimmt Wasser. Ich muss erst die hintere Planke neu setzen.»

«Ich könnte mitkommen, wenn es fertig ist.»

«Du könntest beim Flicken helfen.»

Tovan zog an dem Blatt, bis der Fisch ganz darin verschwunden war. «Ich hab meiner Mutter versprochen, gleich heimzugehen.»

Edran lachte und griff nach dem nächsten Naerling. In diesem Augenblick hörte das Klopfen unter dem Steg auf.

Er sah nicht sofort hinunter. Erst als auch das Tau des Nachbarboots aufhörte, an seinem Ring zu scheuern, hob er den Kopf. Der Nebel stand zwischen den Pfählen, und darin lag der Korb, reglos auf der Strömung. Edran konnte jede einzelne Weidenrute erkennen. An einer gebrochenen Spitze hing ein Wassertropfen und fiel nicht.

Tovan hielt ihm etwas hin. Sein Mund bewegte sich, doch Edran verstand kein Wort. Hinter seinen Ohren baute sich ein Druck auf wie damals, als er als Junge unter einen festgefahrenen Lastkahn getaucht war, zu tief und zu lange. Er schluckte dagegen an. Unter seiner linken Hand wurde der Fisch hart vor Kälte.

Dann kam der Ton.

Er stieg unter den Planken auf, und zugleich sass er in Edrans Zähnen und in dem Knochen, den er sich Jahre zuvor am Handgelenk gebrochen hatte. Einen Atemzug lang war er sicher, dass jemand dicht hinter ihm sprach. Er drehte sich um, bereit, auf eine Frage zu antworten, deren Anfang er verpasst hatte, und sah nur die offene Haustür und seine Mutter, die mit mehligen Händen im Rahmen stand.

Was er hörte, ging tiefer als ein Laut. Das Holz unter seinen Füssen gab nach, ohne sich zu bewegen. Im Wasser unter dem Steg lag etwas Helles, lang und gekrümmt, und er musste sich bücken, um es zu erkennen. Er hatte das Gewicht schon nach vorn verlagert, als Tovan ihn am Ärmel packte.

Der Korb schlug gegen einen Pfahl. Wasser spritzte hoch, das Nachbarboot ruckte in seinen Leinen, und aus den Gassen brach Hundegebell und Geschrei über sie herein. Irgendwo zerschellte ein Krug auf Stein. Edran stand mit dem Messer in der Hand an der Kante des Stegs und wusste nicht, wie er dorthin gekommen war.

«Du hast mich gar nicht gehört.» Tovan liess den Ärmel los. Die Frechheit war aus seinem Gesicht verschwunden. «Was war das?»

Edran sah auf den Fluss. Der helle Umriss war fort; zwischen den Pfählen trieben Schuppen und ein dünner Faden Blut. «Ich weiss es nicht.»

Seine Hand schmerzte. Wo die gespreizten Finger gelegen hatten, zog sich ein weisser Abdruck über das Brett, so fein, dass er ihn zuerst für Fischschleim hielt. Als er die Finger krümmte, brach das Eis mit einem leisen Knistern.

Er schob den Naerling darüber und wischte die Hand an der Hose ab. Tovan starrte noch immer flussaufwärts, wo Menschen auf einem Saolim-Floss zwischen ihren Bündeln standen. Einer riss beide Arme hoch und rief etwas zum Ufer herüber, doch die Entfernung und das Bellen frassen die Worte.

«Edran.» Seine Mutter hatte die Stufen zum Steg erreicht. Sie sah zuerst ihn an, dann das Brett. «Leg das Messer hin.»

Er gehorchte, bevor ihm auffiel, dass sie seit Jahren nicht mehr in diesem Ton mit ihm gesprochen hatte. Auf ihrer Wange klebte ein Streifen Mehl. Sonst hätte er ihn mit dem Daumen weggewischt. Jetzt nahm sie seine linke Hand und drehte sie ins Licht. Ihre Finger waren warm, der Griff fester als nötig.

«Hast du dich geschnitten?»

«Nein. Es ist nichts.» Er zog die Hand zurück, und sie liess es zu. Hinter ihr kam Bodil über den Hof gelaufen, die Schürze mit beiden Fäusten gerafft, damit sie nicht ins Spülwasser hing.

«Mera! Bei mir sind die Krüge vom Brett gefallen», rief sie. «Das ganze Eingemachte. Habt ihr das auch gespürt?»

Mera wandte sich ihr zu. «Das ganze Haus hat gezittert.»

«Bei mir hat nichts gezittert», sagte Tovan. Niemand antwortete ihm. Aus der Gasse kamen weitere Stimmen, und bald standen sechs Leute auf dem schmalen Uferstück zwischen dem Haus und Bodils Holzhof. Ein Bootsmann behauptete, unter seinem Kiel sei etwas durchgeschwommen; seine Frau sagte, er habe noch geschlafen. Einer sprach von einem Beben weiter im Norden, ein anderer von einem Stern, der in der Nacht gefallen sei. Der Fährmann strich noch einmal über die blaue Schuppe am Pfosten. «Mein Grossvater hätte gesagt, da ruft einer von den Blauen.»

«Dein Grossvater hat die Blauen auch für jeden guten Fang gelobt», sagte Bodil. «Und wenn der Korb leer blieb, war der Fluss schuld.»

Edran hatte die beiden oft so reden hören. Sonst stritten sie weiter, bis einer lachen musste. Heute liess der Fährmann die Hand sinken, und Bodil sah zum Naeril hinaus. Während sie schwiegen, strich Edran mit dem Daumen über seine Handfläche. Die Haut war unversehrt, doch die Kälte sass noch immer darunter.

Am Anleger gab es einen Satz, den Bodil jeden Frühling sagte, wenn das Eis von den oberen Zuflüssen kam: Niemand wird wegen eines Geräuschs über den Fluss geschickt, das nicht zwei andere auch gehört haben. Sie hatte ihn nicht erfunden. Er war so alt, dass selbst die Jungen darüber spotteten; Tovan hatte ihn erst vor ein paar Wochen nachgeäfft, als ihm ein Sturm die Angel davontrug. Jetzt schwieg er, obwohl er nur einen Schritt neben Edran stand.

Edran hätte erzählen können, dass er in dem Ton eine Stimme gehört zu haben glaubte. Stattdessen sah er zu, wie die Bootsleute ihre Leinen enger fassten. Mera tat dasselbe mit den Händen in ihrer Schürze. Er kannte diesen Blick. Er wollte wissen, was der Ton bedeutete; Mera dachte bereits daran, wen er mitnehmen könnte.

Sie sammelte die Fische in einen Korb. Sie tat es zu hastig, ohne die grossen von den kleinen zu trennen, und als Bodil nach dem Preis fragte, nannte sie eine Summe, für die Edran sie an jedem anderen Tag getadelt hätte.

«Ich habe noch nicht alle ausgenommen», sagte er.

«Das kann Bodil selbst. Komm ins Haus.»

Er bückte sich nach dem Messer, spülte es im Fluss und schob es in die Scheide am Gürtel. Das Wasser fühlte sich an wie jeden Morgen, und es fiel ihm schwer, die Hand wieder herauszuziehen.

«Da kommt die Maskenfrau», sagte Tovan.

Sie ging am Ufer entlang, langsam genug, dass die Leute ihr auswichen, bevor sie bei ihnen war. Edran hatte sie vor drei Tagen auf einem der Saolim-Flösse gesehen, zwischen Salzsäcken und Käfigen voller zeternder Vögel. Damals hatte sie ein eingewickeltes Paket an die Brust gedrückt wie ein schlafendes Kind. Heute trug sie es offen in der Armbeuge: eine bronzene Maske, dunkel vom Alter, mit flachem, breitem Mund und Augen, deren Lider fast geschlossen waren.

An ihrem Gürtel hingen zwei kleinere Gesichter. Eines war in Tuch geschlagen, das andere zeigte die eingefallenen Wangen eines alten Mannes. Als Kind hatte Edran die Geschichten über die Koru gemocht, bis sein Vetter ihm erzählte, manche Masken wüssten noch, wie es sich anfühlte zu sterben. Danach hatte er nächtelang nicht zu den hölzernen Gesichtern über Bodils Tor hinaufsehen können, obwohl die mit den Koru nicht das Geringste zu tun hatten.

«Bleib hier», sagte seine Mutter. Sie ging der Frau entgegen und sprach sie an, bevor diese den Steg erreichte. Die ersten Worte verstand Edran nicht, aber Mera schüttelte den Kopf.

Die Koru antwortete leise. «Ich bin nicht seinetwegen den Fluss heruntergekommen. Es hat sich unterwegs so ergeben.»

«Mit ihm reden musst du auch nicht.»

Tovan rückte näher an Edran heran. «Sie heisst Ama. Aus Obarem. Mein Onkel hat ihr gestern einen Verschluss geflickt.» Er flüsterte mit der Eindringlichkeit eines Jungen, der wollte, dass man sein Wissen bemerkte.

Ama hob den Blick zu ihnen. Ihr Haar war eng am Kopf geflochten, und am linken Ohr fehlte ein Stück der Muschel. Sie sah müde aus, eher wie eine Händlerin nach einer schlechten Nacht als wie jemand, vor dem Edrans Mutter ihn beschützen musste. Doch die Hand, mit der sie die Maske hielt, krallte sich um deren Rand.

«Was ist mit mir?», fragte er.

Mera drehte sich um. «Geh bitte hinein.»

Er blieb stehen. Seine Mutter schob sich zwischen ihn und Ama, und plötzlich war er wieder so klein, dass ihr Rock ihm das Gesicht der Fremden verdeckte. So hatte sie früher dagestanden, wenn jemand auf der Strasse nach ihrem Namen fragte. Er trat neben sie.

«Du kennst sie», sagte er.

«Nein», antwortete Ama, bevor Mera sprechen konnte. «Aber ich glaube, sie weiss, weshalb ich hier bin.»

Die Maske lag mit dem Gesicht nach oben in ihrem Arm. Zwischen den bronzenen Lippen trat ein Tropfen hervor, dunkel und rund wie Harz, und Edran wollte Ama darauf aufmerksam machen. Da kam der Druck hinter den Ohren zurück. Diesmal schwieg der Fluss. Das Geräusch kam aus nächster Nähe, trocken und rau, als striche jemand mit der Hand über die Innenwand eines leeren Kruges.

«Dessic.»

Er starrte Ama an. Ihr Mund war geschlossen. Unter ihrem Daumen war die Bronze blank gerieben.

Niemand sonst schien etwas gehört zu haben. Bodil stritt mit dem Bootsmann darüber, ob man ein Beben vorhersagen könne, und Tovan sah neugierig von einem Gesicht zum anderen. Nur Mera stand vollkommen still.

«Warum sagt sie das zu mir?» Wie heiser er klang, merkte Edran erst, als Ama ihn bat, näher zu kommen. Er blieb, wo er war. «Das ist ein Name aus einer Geschichte.»

«Welcher Name?», fragte Tovan.

Ama legte das Tuch über das Bronzegesicht. «Was hast du gehört?»

«Du standest direkt daneben.»

«Ich habe etwas gehört. Bevor ich damit handle, muss ich wissen, ob es dieselbe Ware war.»

Sein Vetter hatte ihm im Winter Geschichten erzählt, während sie Netze flickten: Dessic, der Erst-Jäger, dessen Speer sogar Drachenschuppen durchschlagen haben sollte. In einer Fassung stand er mit hundert Männern unter einem blauen Flügel; in einer anderen jagte er den Blauen. Edran hatte Dahrim gefragt, wie beides zusammenpasse. Dahrim hatte den Faden durch ein eingerissenes Netz gezogen und gesagt, zuerst müsse man wissen, wer die Geschichte weitererzähle. Damals hatte Edran das für eine Ausrede gehalten. Keine der Fassungen gehörte hierher, auf diesen Steg, zwischen Fischblut und dem Eimer mit den Innereien.

«Dessic», wiederholte er.

Mera presste die Lippen zusammen. Dann nahm sie Tovan den eingewickelten Fisch ab, zog das lose Blatt fester und drückte ihm das Päckchen wieder in die Hände. «Geh über Bodils Hof nach Hause. Sag deiner Mutter, sie soll euch heute vom Wasser fernhalten.»

«Ich kann bleiben und helfen.»

«Heute nicht.» Als er den Hof überquert hatte, fasste sie Edran am Arm. «Wir reden drinnen.»

Er liess sich führen. Was er sie fragen wollte, ging die Nachbarn nichts an. Ama folgte ihnen bis zur Treppe und blieb dort stehen. Am Anleger holten die Saolim ihre Leinen ein; Bodil schleppte den Fischkorb fort, und der Bootsmann trat gegen ein loses Brett. Vom Streit über das Beben blieben nur einzelne Rufe.

Im Haus war es zu warm. Der erste Laib lag unangeschnitten auf dem Tisch, und ein Stück Teig hing über den Rand der Schüssel. Mera nahm ein Tuch vom Haken und wischte sich die Hände ab, obwohl das Mehl längst fort war. Ihr Blick ging zur offenen Tür, dann zu dem kleinen Fenster neben der Feuerstelle.

«Das ist schon einmal passiert», sagte Edran.

Sie antwortete nicht gleich. Draussen fragte Ama einen Vorübergehenden nach dem Weg zum oberen Anleger. Mera zog das Tuch immer wieder durch die Finger. Auf dem Steg hatte sie seine Hand vor allen Leuten geprüft; jetzt, allein mit ihm, sah sie ihn nicht an.

«Mit deiner Hand?», fragte sie schliesslich.

Er hatte vom Ton sprechen wollen. Der weisse Abdruck auf dem Brett hielt ihn zurück. «Manchmal im Winter. Wenn ich lange draussen war.»

«Nur im Winter?»

Er sah sie an, und sie setzte sich. Sie wirkte in ihrem eigenen Haus fremd, als hätte man sie an einen Tisch gesetzt, an dem sie die Messer nicht fand.

«Ich dachte, wenn es seltener wird …» Sie brach ab und rieb sich mit dem Tuch über die Finger. «Du hast nie etwas gesagt.»

«Was hätte ich sagen sollen? Dass mir Wasser an den Händen gefriert? Dass ich manchmal weiss, wer hinter mir steht, bevor ich ihn höre?» Er hielt inne. Tovans Schritt auf der dritten Planke war ihm so gewöhnlich vorgekommen, dass er sich nie gefragt hatte, ob das Knarren vor dem Wissen gekommen war oder danach. «Du hast es gewusst.»

Mera nickte, kaum sichtbar. Er hoffte, sie würde ihm erklären, es sei eine Krankheit, etwas, das in ihrer Familie vorkam und niemandem schadete. Stattdessen faltete sie das Tuch, strich die Kanten glatt und legte es neben den Laib.

«Als du klein warst, ist es öfter geschehen. Ich habe dich vom Fluss ferngehalten und gehofft, du würdest es vergessen.»

Es hatte Sommer gegeben, in denen er vom Fenster aus den anderen Kindern beim Baden zugesehen hatte. Sein Fieber könne zurückkommen, hatte sie gesagt. Einmal war unten ein kleiner Junge im Schlamm ausgerutscht, und alle hatten gelacht. Edran hatte oben gesessen und an einer losen Faser des Fensterbretts gezupft, bis sein Finger blutete.

«Und der Name? Was hat Dessic mit uns zu tun?»

Bevor sie antworten konnte, trat Ama durch die Tür. Sie hatte alle drei Masken verhüllt. «Am unteren Anleger fragen Männer nach einem Haus in dieser Gasse. Einer hat euren Namen genannt.»

Mera sprang auf, so hastig, dass der Stuhl gegen die Wand schlug. «Wie viele?»

«Zwei habe ich gesehen. Einer ist bei den Booten geblieben. Ob noch andere dazugehören, weiss ich nicht.»

Edran sah von einer Frau zur anderen. «Wer sind die?»

«Ich kenne sie nicht», sagte Ama. «Aber der, den ich angesprochen habe, wollte den Hals nicht drehen. Er hat den ganzen Körper gedreht, um mich anzusehen.» Sie wandte sich an Mera. «Gibt es hinten einen Ausgang?»

«Durch die Räucherkammer auf Bodils Hof.»

«Nehmt den. Ich sehe nach, ob dort jemand wartet.»

Mera griff nach ihrem Handgelenk. Die beiden Frauen standen wortlos beieinander; dann nickte Ama und ging durch den niedrigen Durchlass neben der Feuerstelle. Edran hörte ihre Schritte auf den Ziegeln der Räucherkammer, danach das leise Scharren der Hoftür.

«Du musst mir sagen, was hier geschieht.» Er stellte sich seiner Mutter in den Weg, als sie Ama folgen wollte. «Jetzt. Nicht nachher.»

Sie legte ihm beide Hände auf die Brust. «Ich habe sechsundzwanzig Jahre lang versucht, dich aus Geschichten herauszuhalten, in denen Menschen wie wir nicht alt werden. Kommen die Männer wegen heute Morgen, ist keine Zeit mehr zum Reden.»

«Menschen wie wir?»

Sie blickte auf seine Hand. Er zog sie zurück, obwohl sie nicht danach gegriffen hatte, und liess sie zum Durchlass.

In der Räucherkammer hing der Geruch von altem Feuer so dicht, dass er ihn schmecken konnte. Zwei Reihen Fische baumelten unter den Balken, darunter stapelte sich das trockene Erlenholz, das Bodil ihnen angeschrieben hatte. Mera kniete vor dem Stapel nieder und begann, Scheite wegzuräumen. Edran half ihr, ohne zu wissen, wonach sie suchte. Als sie den flachen Stein am Fuss der Wand herauszog, fiel ihm ein, dass Dahrim einmal genau hier gesessen hatte.

Sein Vetter hatte damals eine neue Klinge in Edrans Hobel gesetzt. Edran war zu jung gewesen, um ein Boot zu führen, und alt genug, es trotzdem zu versuchen. Nach der Reparatur hatte Dahrim ihm gezeigt, wie man eine gerissene Planke erkennt, bevor man auf dem Wasser ist. Er hatte nach Hobelspänen gerochen und nach dem Öl, mit dem er seine Stiefel einrieb. Eine belanglose Erinnerung, und doch kam Edran nicht gegen sie an. Seit Jahren war Dahrim für ihn vor allem der Mann gewesen, der nicht zurückkam. Jetzt roch die Kammer wieder nach ihm.

Mera zog ein längliches Bündel aus dem Hohlraum. Das Wachstuch war an den Falten weiss geworden. Als sie es ihm reichte, hielt sie es einen Augenblick länger fest, als wäre sie noch immer versucht, es zurück unter den Stein zu schieben.

«Du nimmst das mit. Mach es erst auf, wenn Baisu hinter dir liegt.»

«Gehört es Dahrim?»

Sie senkte den Blick auf das Bündel. «Er hat es hiergelassen.»

Draussen krachte Holz auf Holz, dann kam Bodils Stimme. Edran verstand nur das Wort Lieferung, zu laut und zu deutlich gerufen. Mera schob ein Scheit vor den offenen Hohlraum und richtete sich auf.

«Wenn wir getrennt werden, gehst du nach Norden, bis du die alte Strasse erreichst. Bleib nicht am Ufer. Vom Wasser aus sieht man dich.»

«Wir werden nicht getrennt.»

Sie blickte zu der schmalen Rauchklappe unter dem Dach. Er kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie widersprochen hätte, wenn sie eine Antwort gehabt hätte. Früher war er dort hinaufgeklettert, um Vogelnester aus dem Abzug zu holen. Er bezweifelte, dass er noch hindurchpasste, und war plötzlich sicher, dass sie es ebenfalls bezweifelte.

Im vorderen Raum knarrte eine Diele. Nicht die an der Tür, die unter jedem Schritt nachgab, sondern eine weiter innen, nahe am Tisch. Edran hielt den Atem an. Hinter den Fäden des Bastvorhangs zeichnete sich ein Kopf ab, dann eine Schulter.

«Edran Veyr?» Die Stimme war ruhig, fast höflich. «Eure Nachbarin meinte, wir würden dich hier finden.»

Mera legte einen Finger an die Lippen und deutete nach oben. Dann trat sie zum Vorhang und zog ihn ein Stück beiseite. «Mein Sohn ist nicht da.»

Durch den Spalt sah Edran einen Mann in einem staubigen Reisemantel. Er trug keine sichtbare Waffe. An seinen Stiefeln klebte heller Lehm, den es hier am Fluss nicht gab, und der Mantel war bis unters Kinn geschlossen, obwohl draussen längst die Sonne auf den Hof schien.

«Dann warten wir», sagte der Mann.

Edran schob das Bündel unter den Gürtel und setzte den Fuss auf den Holzstapel. Hinter dem Fremden lag der Laib auf dem Tisch, daneben der umgestossene Stuhl und die Schüssel, aus der der Teig weiter über den Rand quoll. An diesem Tisch hatte seine Mutter ihm gesagt, dass Dahrim wahrscheinlich nicht wiederkommen werde. Sie hatte dabei die Hände gefaltet, damit er das Zittern nicht sah.

Jetzt hielt sie den Vorhang so fest, dass die Bastfasern knirschten.

Edran nahm den Fuss vom Holz. Er liess sie nicht allein mit diesem Mann zurück, nicht durch eine Rauchklappe. Das Wachstuch gab nur widerwillig nach; er musste mit dem Daumennagel unter die spröde Falte fahren, bevor es aufging. Darin lag ein Messer mit einer breiten, dunklen Klinge und einem Griff aus grün angelaufener Bronze. Es war schlichter, als er erwartet hatte. Keine Steine, keine Schrift, nur eine flache Mulde dort, wo der Daumen zu liegen kam.

Als er den Griff berührte, roch er Regen auf heisser Erde. Der Geruch war so deutlich, dass er den Kopf hob. Einen Augenblick lang meinte er, hoch über sich Licht durch eine grüne Flughaut fallen zu sehen. Dann waren wieder die Ziegel unter den Sohlen und der Rauch in der Kehle.

Es war nicht wie der Ton am Fluss. Der hatte ihn beinahe über die Planken gezogen; hier blieb nur das Bild eines Blattes, durch das Licht fiel, obwohl kein Himmel darüber war. Er wollte es festhalten, schon weil der Geruch ihm kurz das Haus zurückgegeben hatte, wie es vor dem Fremden gewesen war. Doch je angestrengter er sich erinnerte, desto weniger blieb davon übrig. Die Bronze kühlte in seiner Hand ab, und dann kühlte sie weiter, bis sich auf der dunklen Klinge ein Hauch von Reif bildete.

Der Fremde schob den Vorhang weiter auf. Über seinem Kragen spannte sich die Haut, und darunter traten harte, übereinanderliegende Ränder hervor. Edran kannte dieses Muster von den Fischen auf seinem Brett. Hier sass es an der Kehle eines Menschen.

Mera wich vor dem Mann zurück. Edran trat neben sie, das alte Messer tief an seinem Bein. Der Blick des Fremden wanderte von seinem Gesicht zur bereiften Klinge, und zum ersten Mal veränderte sich dessen Miene.

«Du wolltest mit mir reden», sagte Edran. Sein Atem stand weiss vor seinem Mund, in einer Küche, in der eben noch Brot gebacken worden war. «Dann lass sie vorbei.»

Der Mann machte einen Schritt zurück.

Text aus der finalen Druckvorlage · © 2026 Matt Turner.

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